Neues Altes aus dem Archiv

Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus...

… oder fallen um

In der Kamenzer Ausgabe der Sächsischen Zeitung vom 20. April 2018 findet sich der Artikel „Kamenz bekommt wieder einen Maibaum“, der wie folgt beginnt: „Endlich bekommt die Lessingstadt wieder einen Maibaum. Der letzte stand – ja wann war das eigentlich?“ Zwar war diese Frage nicht explizit an das Stadtarchiv Kamenz gerichtet, doch es greift sie gerne auf.
Nach Quellenlage gehörte das Aufstellen eines Maibaums nicht zu den ursprünglichen Bräuchen der Stadt. Vielmehr stand die Walpurgisnacht mit dem Abbrennen der sogenannten Hexenfeuer im Mittelpunkt des bürgerlichen Interesses. So zogen die Kamenzer am Abend des 30. Aprils auf den Hutberg, um die Feuer der Oberlausitz zu beobachten. Und auch den 1. Mai verbrachten die Kamenzer mit Vorliebe auf ihrem Hausberg – bei Musik und Maibowle. Das Kamenzer Tageblatt zumindest berichtet regelmäßig darüber; über einen Maibaum auf dem Markt – anders als in den Dörfern der Umgebung – schweigt es sich jedoch aus. Der erste Maibaum auf dem Markt ist bislang für das Jahr 1934 nachweisbar: „[In] der 9. Abendstunde […] nahmen im Stadtinnern schon zahlreiche Schaulustige Aufstellung, die die mitternächtliche Feier der Aufrichtung des Maibaumes miterleben wollten. […] Unter klingendem Spiel marschierten sie zum Flugplatz, von wo aus gegen ½11 Uhr ein langer Zug […] den Festwagen mit dem riesigen Maibaum, einer aus dem städtischen Forst in Zschornau stammenden 21 Meter hohen geschälten Fichte mit grünem Wipfel, durch die nächtlichen Straßen zum Markte geleitete.“ Allem Anschein nach lag den neuen Machthabern viel daran, das Aufstellen der Maibäume mit Blick auf das deutsche Volks- und Brauchtum auszuweiten. Und so standen auch in den folgenden Jahren zum 1. Mai auf dem Kamenzer Marktplatz Maibäume.
Diese Tradition fand nach 1945 eine Wiederaufnahme. Wenn noch nicht 1946, so ist doch für 1947 die Aufstellung eines Maibaums schriftlich überliefert. Dazu finden sich in der Fotosammlung des Stadtarchivs auch einige Bilder des Marktes, die einen Maibaum zeigen. Über die gesamte DDR-Zeit sind immer wieder Nachrichten über einen Maibaum auf dem Kamenzer Markt zu finden, so dass angenommen werden kann, dass das Aufstellen alljährlich stattfand. Was bis dahin aber undenkbar erschien, wurde bereits 1990 wahr. Die neugewonnene Freiheit schienen einige Mitmenschen falsch interpretiert zu haben. Jedenfalls wurde der Maibaum am Morgen des 1. Mai 1990 liegend aufgefunden. Als dann im Folgejahr wieder ein Maibaum aufgestellt wurde, meldeten sich die Verursacher der nächtlichen Sägeaktion von 1990 und wiesen darauf hin, dass traditionsgemäß sieben Jahre lang gar kein Maibaum mehr aufgestellt werden dürfe. Der damalige Bürgermeister Lothar Kunze stellte jedoch klar, dass das Aufstellen des Maibaums auf dem Kamenzer Markt immer durch die Stadtverwaltung und nicht – wie in den Dörfern üblich – durch die Jugend geschah. Zumindest sorgte der Anruf allerdings für Vorsicht, und es wurde eine Nachtwache eingesetzt, was wohl Schlimmeres verhinderte. Aber 1995 war es wieder soweit: Der Maibaum wurde erneut mutwillig abgesägt und verwüstet. Wahrscheinlich nahm die Stadtverwaltung – auch mit Blick auf die öffentliche Sicherheit – dies zum Anlass, keinen Baum mehr auf dem Markt aufzustellen, da womöglich parkende Fahrzeuge, Gebäude oder gar Menschen beim Fällen des Maibaums verletzt werden könnten. Jedenfalls finden sich in den Folgejahren keine Hinweise mehr auf das Aufstellen eines Maibaums auf dem Kamenzer Markt.
Es sei also daher der Kamenzer Stadtwerkstatt nicht nur viel Glück, sondern vor allem auch Wachsamkeit bei der Wiederaufnahme dieser Tradition gewünscht!

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Maibaum 1949 Maibaum 1954

Nach bedeutendem Fund im Stadtarchiv Kamenz:

Älteste überlieferte Innungsartikel restauriert

Schon in dem 1883 erschienenen Urkundenbuch der Städte Kamenz und Löbau wird über die Ausfertigung einer auf den 20. Juni 1486 datierten Urkunde des Kamenzer Rates für das Handwerk der Nadler berichtet. Es handelt sich damit um die bei Weitem älteste im Original überlieferte Aufstellung von Artikeln einer Innung in Kamenz. Neben der Transkription der Urkunde findet sich in besagtem Urkundenbuch zudem eine Anmerkung folgenden Inhalts: „Die Urkunde ist in ihrem ganzen obersten Drittheil durch Moder und breite Risse so schadhaft geworden, daß davon nur einzelne Worte noch lesbar sind.“ Allerdings waren die Signatur und damit der Verwahrort im Stadtarchiv unbekannt. Erst durch so umfangreiche wie intensive Erschließungsarbeiten des Stadtarchivs in den letzten zwanzig Jahre konnte die Urkunde in dessen Beständen wiedergefunden werden. Somit wurde es möglich – mehr als 130 Jahre nach Drucklegung des Buches – endlich den weiteren Zerfall dieses für die Wirtschaftsgeschichte der Stadt bedeutenden und einmaligen Schriftstücks zu stoppen und für die Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen. An dieser Stelle sei vor allem der Buchrestaurierung Leipzig GmbH als ausführende Werkstatt und der ewag Kamenz als Sponsor dieser Restaurierung vielmals gedankt!

Vor der Restaurierung und danach

Kamenz und die Welt vor hundert Jahren

Das Stadtarchiv Kamenz wirft einen Blick zurück und zeichnet das Lebensgefühl in der Lessingstadt vor 100 Jahren nach. Was beschäftigte also damals die Menschen zwischen Hutberg und Spittelforst? Dazu zieht das Stadtarchiv die in seinen Magazinen verwahrten Unterlagen heran, die aus erster Hand und somit unverfälscht berichten. Vor allem dient natürlich das seit 1900 erschienene „Kamenzer Tageblatt“ aus der Druckerei Carl Samuel Krausche als Quelle.

350 Jahre Ratsbibliothek Kamenz

2016 beging die Stadt Kamenz ein Jubiläum, das in besonderem Maße gefeiert werden sollte.
Am 22. September 1666 richtete der damalige Konrektor und spätere Rektor des Kamenzer Lyzeums, Philipp Ludewig Schertlin, an den Stadtrat die Bitte, die in den Räumen der Schule mehr recht als schlecht beherbergte und wohl auf das Franziskanerkloster zurückgehende Bibliothek zum Anlass bzw. Grundstock einer neu zu errichtenden Bibliothek für die Schule zu nehmen. Diesem Gesuch stand der Rat wohlwollend gegenüber und unterstützte – gleichsam vieler anderer Mitglieder der Bürgerschaft – diese Unternehmung, so dass noch im gleichen Jahr mit dem Aufbau dieser Schul- bzw. späteren Ratsbibliothek begonnen wurde. Der bedeutendste Bestand wurde zehn Jahre später durch den Stadtrat für 200 Reichstaler erworben. Jener geht zurück auf die Bibliothek des Freiberger Stadtarztes Andreas Möller, die wiederum auch umfangreiche Bände aus der Bibliothek seines Schwiegervaters Daniel Thorschmidt enthielt. Dieser studierte zu Zeiten Luthers in Wittenberg, so dass sich in diesem Buchbestand auch eine Reihe von bedeutenden Reformationsschriften befindet.
Ein herausragendes Beispiel dafür stellt ein Band dar, der aus der Bibliothek von Georg Rörer, einem engen Vertrauten und Mitarbeiter Luthers, stammt.

Der Zedler

Von der Mutter aller deutschsprachigen Enzyklopädien

Vor weit mehr als zehn Jahren bot ein Verlag dem Stadtarchiv Kamenz den Nachdruck eines hervorragenden 68bändigen, zwischen 1732 und 1750 resp. 1754 erschienen Nachschlagewerkes an. Interessante Dinge wusste die Vertreterin damals zu berichten; handele es sich dabei doch um das erste in Deutschland erschienene Universallexikon. In knapp 290.000 Artikeln und mit etwa 300.000 Verweisungen würden diese das gesamte Wissen der damaligen Zeit in informativen und häufig auch weiterführenden Beiträgen beherbergen. Da es neben Korrekturen auch Ergänzungen gab, erschienen bis 1754 weitere vier Supplementbände (zum Vergleich: Die zwischen 1747 bis 1766 veröffentlichte französische "Encyclopédie" von Denis Diderot umfasst in 17 Textbänden etwa 72.000 Artikel auf ca. 23.000 Seiten). Bei der Lektüre entstünde – so die Vertreterin weiter – ein hervorragendes Zeitverständnis zum 18. Jahrhundert. Faktisch sei es der Prototyp der heutigen allgemeinbildenden Lexika.
Mit Interesse – und wahrscheinlich auch leichtem Schmunzeln – hörte der damalige Stadtarchivar den Ausführungen zu, um der Vertreterin dann zumindest einen der 68 in Pergament eingebundenen Bände vorzulegen: das Zedlersche Lexikon. Wenngleich für das Stadtarchiv also ein Kauf nicht erforderlich wurde, so hatte die Vertreterin zumindest einmal die Chance, das Original vom „Zedler“, wie das Lexikon in Fachkreisen kurz und liebevoll genannt wird, in der Hand zu halten.
Johann Heinrich Zedler wird als einer der bedeutsamen Urheber der deutschen Aufklärung angesehen, doch gehört er selbst eher zu den großen Unbekannten. Nur wenige biographische Angaben sind über ihn bekannt und beziehen sich zumeist auf seine Zeit in Leipzig, wo er als Buchhändler und Verleger tätig war. Sein „Universal-Lexicon“ aber wurde zum Spiegel der adeligen und bürgerlichen Gesellschaft in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Heute ist es nicht nur in gedruckter Form benutzbar. Das von einer Arbeitsgemeinschaft der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel und der Bayerischen Staatsbibliothek München hervorragend bearbeitete und erschlossene Lexikon steht jedem Interessenten auch online unter www.zedler-lexikon.de zur Verfügung.
Wie den Akten des Stadtarchivs Kamenz entnommen werden kann, entschloss sich der Kamenzer Rat bereits kurz nach Erscheinen der ersten Bände des Lexikons zu dessen Erwerbung, „weil doch die Vermehrung der Bibliothec zur Zierde der Stadt, und zum Nutzen der Gelehrten Leit gereicht“, und überhaupt „würde es nicht undienlich seyn“. Die Anschaffungskosten wurden übrigens auf die Schultern der gesamten Stadtverwaltung verteilt. Egal ob Stipendien-, Gestiften-, Hospital-, Oberkirchen- oder Steueramt; jeder trug sein Scherflein bei. Es zeigt uns damit zugleich, wie wichtig dem Rat dieses Lexikon im Besonderen aber auch die Bibliothek im Allgemeinen war.
Auch in der Gegenwart hat das Werk nicht an seiner Bedeutung verloren. Sicherlich kann es nicht mehr mit den aktuellen Entwicklungen im Bereich enzyklopädischer Nachschlagewerke mithalten. Doch dafür vermittelt es einen Eindruck über die kulturelle und soziale Mentalität des 18. Jahrhunderts. Gerade mit Blick auf Gotthold Ephraim Lessing und seine Zeit ist es somit für die Stadt nach wie vor ein aussagekräftiges Kompendium.

Seifen-Niegel

Das Stadtarchiv Kamenz widmete sich aufgrund einer Anfrage der Geschichte des Hauses Bautzner Straße 13 – „Seifen-Niegel“. Der Impuls ging von der Citymanagerin Anne Hasselbach aus, die für die von ihr unterstützte Genossenschaft „Neue Altstadt Kamenz“ einige Informationen zu dem Haus und der Seifensiederfamilie zusammentragen wollte. Das Ergebnis der Recherche kann hier [933 KB] nachgelesen werden.

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